„Eden Für Jeden! – Hebebrand bleibt grünes Land!“ – Von Kleingärtnern in der Wachsenden Stadt

Wir sind „Eden für Jeden“ und haben uns als KleingärtnerInnen zusammengeschlossen. Circa 400 Pazellen sollen Ende 2014 zugunsten des Wohnungsbaus unter dem Titel „Hebebrandquartier“ „abgeräumt“ werden. Geplant sind bis zu 1.400 Wohneinheiten. Weitere Betroffene: 2 Unterkünfte für Obdachlose sowie der Bauwagenplatz „Borribles“ mit denen wir eng zusammen arbeiten. Das Gebiet ist 39ha groß und liegt zwischen S-Alte Wöhr und U-Sengelmannstraße-man kann sagen, alles was sich linksseitig der S-Bahnlinie 1 zwischen Alte Wöhr und Rübenkamp befindet. Auf 6 ha sollen neue, nackte Kleingärten entstehen. Die jetzigen drei Kleingartenanlagen gibt es seit ca. 65 Jahren, die sozialen Strukturen sind gewachsen, genauso das Grün als Rückzugsort für Kleintiere und mit steigender Wichtigkeit für das Stadtklima und als Naherholungsgebiet. In Anbetracht dessen dass jährlich 200 ha Boden in Hamburg durch Straße- und Gebäudebau versiegelt werden, wird bald nicht mehr viel von der Umwelthauptstadt Hamburg übrig bleiben.
Auf die Vorplanungen zu diesem Quartier wurden hinter dem Rücken der KleingärtnerInnen durchgeführt. Wunschgemäß sollten wir dann an einem Beteiligungsverfahren der Firma Konsalt in drei Sitzungen über das Wie des Abräumens mitentscheiden. Diesem haben wir uns größtenteils verweigert. Während die anderen Bezirke den 6000er-Vertrag mit dem Passus versehen haben, dass dafür keine Schrebergärten zerstört werden, schreckt der Bezirk Nord davor nicht zurück. Eine weitere Kleingartenanlage in Groß-Borstel hat der Bezirk einem Irischen Investor zur Errichtung der „Tarpenbek-Greens“ mit hochpreisigen Wohnungen angeboten.
Was plant nun der Bezirk auf unserem grünen Gelände (vis a vis zu leerstehenden Büroräumen der City Nord)? – Miete, Eigentum und Sozialer Wohnungsbau mit einem kleinen Teil für §-5-Schein BesitzerInnen (und unklarer Bindungsdauer). Vom Bezirk wird in Zusammenhang mit diesem Quartier von „bezahlbarem Wohnraum“ gesprochen, ein dehnbarer Begriff, geht es doch darum, die Besserverdienenden in die Stadt zu holen.
Unser Mit-Gärtner Rupert Schorch schreibt zu dieser Hamburger Narretei folgendes:
Narren hasten, Gute warten und der Weise geht in den Garten
Hamburgs Narretei

Im Namen des Wachstums wurden schon viele Narreteien begangen. Die Nutzung von Atomkraftwerken zur Energiegewinnung ist so eine. Ungebremste Mobilität eine andere. Hamburg hat eine eigene Form der Wachstums-Narretei:
Als „Wachsende Stadt“ soll sich Hamburg bei der Herstellung optimaler Kapitalverwertungsbedingungen für die vor Ort ansässigen Unternehmen gegen andere Regionen durchsetzen, wobei das verfügbare Potential an Arbeitskräften als wichtigster „Standortfaktor“gesehen wird.

Von der CDU aufgebracht macht sich die SPD jetzt wie gehabt zum Vollzugsbeamten. Getragen von allen Parteien, assistiert von entsprechenden Kommentaren in der Presse (vgl. MOPO) soll Hamburg wachsen. Gewachsen sind bereits Häuser: Hochpreisige Wohnungen in der Hafencity, in der „Parklane“ und dem „Quartier 21“, gewachsen sind vor allem Bürohäuser an allen Ecken und Enden: Der momentane Leerstand beträgt weit über 1 Mio. Quadratmeter. Doch Hamburg will weiterwachsen. Jetzt brauchen wir die Wohnungen für all die Leute, die von diesem attraktiven Wirtschaftsstandort, der sich solch einen Leerstand leisten kann, angezogen werden sollen:
Vom Zuzug nach Hamburg verspricht sich der Senat jährlich Mehreinnahmen von 3000 € pro Kopf.
Kurz und gut: Nachdem die Stadt unter der CDU schon einiges auf dem Markt geworfen hat: Krankenhäuser, Energieversorgung, Bildung, geht es nun an die Hamburger Grünflächen.
Und unversehens stehen Kleingärtner jetzt in einer Reihe mit dem wachsenden Widerstand gegen die Strukturen, die Leben und Lebenswertes nur noch als Rendite, Gewinnmaximierung und ewiges Wachstum sehen können.
Wie bei jeder ausgewachsenen Narreteil findet man die treibende Kraft dafür in der Ökonomie: „Ökonomische Leistungsfähigkeit ist der Anfang von allem, sagt die Regierungserklärung. Zu deutsch: Am Anfang ist das Geld, und das Geld ist alles und alles ist Geld, amen.“ – so schrieb Jürgen Dahl 1972 zum Thema Atomstrom. Natürlich gilt dieser Satz auch 2011 für Hamburgs Konzept „wachsende Stadt“.
Während Hamburg sich als Umwelthauptstadt aufspielt, betreibt es Flächenrecycling und vernichtet Gartenland, während die Kulturbehörde „Urbanes Gardening“ hip macht, werden Kleingärten vernichtet. Während auf privatwirtschaftlicher Seite Leerstand von Gebäuden produziert wird, vernichtet die öffentliche Hand Freiräume, die die Stadt erst lebenswert machen. Und das alles mit dem Hinweis, daran könne man nichts machen. Wohnungsbau als Totschlag-Argument.
Doch leider ist dies ja kein Brachland, dort leben Menschen: Die haben mit Herzblut Gärten, Gemüse, Pflanzen und Bäume angebaut, soziales Miteinander geschaffen. An diese Menschen wird appelliert, doch an das Große, an das Ganze zu denken.
Doch wenn Wachstum und Fortschritt in einer Gesellschaft zum alleinigen und allbestimmenden Prinzip werden dann wird es Zeit in den Garten zu gehen – und sich der Wurzeln des Lebens zu vergewissern.
(Artikel wurde gefertigt für die Zeitschrift „Verstärker“, eine Zeitschrift aus dem Netzwerk „Recht auf Stadt“, Hamburg, November 2011)
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